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Kurzgeschichten
Auch Wildtiere sterben eines natürlichen Todes
Tatsachenbericht - Erlebt am 14. Juli 2001
Bereits sehr früh begebe ich mich an einem Sommermorgen bei schönstem Wetter auf eine Morgenpirsch in mein Revier. Beim Waldeingang bleibe ich einen Moment stehen und höre dem Konzert der Singvögel zu. Besondere Aufmerksamkeit bekommt ein Amselmännchen, welches zuoberst im Wipfel einer Fichte ihr Lied zum Besten gibt.
Der Geruch des am Vorabend frisch gemähten Grases steigt mir in die Nase, als ich einem Rotfuchs bei der Jagd nach Mäusen zuschauen darf.
Langsam- und ruhig pirsche ich weiter ins Waldesinnere. Ich will, wie immer das Rehwild beim Äsen beobachten, welches sich dazu meistens an denselben Orten aufhält. So auch der Rehbock, welchen ich seit längerer Zeit besuche.
Ich schleiche mich mit meinem Hund und Freund Sico vorsichtig in die Nähe in das Revier des Rehbocks. Das Gebiet ist steil und ich schaue hinauf auf die Kuppe- und da war er und äste friedlich vor sich hin. Es ist ein angenehmes Gefühl, immer wieder dieselben Wildtiere besuchen zu dürfen. Nach geraumer Zeit will ich mich gerade weiter auf den Weg machen.
Dann geschieht es:
Ich kann beobachten, dass der Rehbock plötzlich ins taumeln gerät. Er fällt um, rappelt sich wieder auf und taumelt weiter. Wieder fällt er zu Boden und zappelt verzweifelt mit seinen Beinen. Noch einmal versucht er auf die Beine zu kommen. Er verliert sein Übergewicht und stürzt den Hang hinunter und bleibt direkt vor mir und Sico reglos liegen. Seine Augen sind weit geöffnet. Sofort bemerke ich dass das Tier nicht mehr lebt. Sico winselt kurz und versteht sofort, was hier geschehen ist. Grosser Respekt und Ehrfurcht durchfährt meine Seele.
Es ist jetzt 0630 Uhr und ich alarmiere sofort den Wildhüter. Nach etwa 20 Minuten höre ich aus der Ferne das Fahrzeug des Wildhüters kommen. Schon bei der Begrüssung merkt der Wildhüter, dass ich mich ganz anders verhalte als sonst. Nun, ich beginne sofort mit der genauen Schilderung des ganzen Vorfalls.
Fachmännisch untersucht er den leblosen Körper des Rehbocks. Sofort stellt er fest, dass er eine grosse Krone unterhalb des Geweihs aufweist. Ebenfalls kann er sehen, dass fast alle Zähne fehlen. Es sind nur noch die hinteren Mahlzähne vorhanden. Der Wildhüter kann mich beruhigen und meint nur:
"Ernst, dieser Rehbock war bereits 8-9 Jahre alt und du durftest dabei sein, wie er eines natürlichen Todes verstorben ist"
 Ehrfürchtig unterhalten wir uns noch einen Moment. Dann nimmt sich der Wildhüter sich des toten Rehbocks an und verabschiedet sich wieder von mir.
Reglos und nachdenkend stehe ich nun da mit meinem Freund Sico. Ich markiere den Ort noch mit einem dürren Ast, bevor Sico und ich dann wieder unseres Weges gehen.
Immer wieder, wenn wir diesen Ort besuchen, bleiben wir einen Moment stehen und denken an diese merkwürdige Geschichte zurück.
Die Pointe dieses Erlebnisses ist: Auch ich kam im ersten Moment nicht darauf, dass dieser Rehbock eines natürlichen Todes starb.
Es ist doch beeindruckend, dass ich gerade zu diesem Zeitpunkt an diesem Ort war und dabei sein durfte wie dieses Wildtier verstarb.
Dieses Erlebnis ist für mich eines der "Geheimnisse des Waldes"
Ernst Rudin
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